Nachruf Heribert Fieber

23. Juli 2010 | Von | Kategorie: In eigener Sache

Wenn man Heribert traf, trat eine Veränderung ein. Man wurde absichtlich oder unabsichtlich zum Schüler, zum Zuhörer und zum eifrigen Beobachter.

Was Heribert in jedes Gespräch mitbrachte war die Fröhlichkeit, Lebensfreude und gleichzeitig hohe Aufmerksamkeit für seine Gesprächspartner. Er war Erfahrung und Lebensweisheit und diese Erfahrung drückte er aus in einer wunderbaren Sprache.

Als ein Arbeitgebervertreter argumentierte, den Kündigungsschutz könne man abschaffen, denn die Arbeitslosigkeit konnte das Gesetz ja nicht verhindern, antwortete Heribert:

Dann sollte man auch die Oderdämme beseitigen, denn das Oderhochwasser konnte man ja auch nicht verhindern.

Über den Umgang des Menschen mit der Welt viel ihm Folgendes ein:

Treffen sich zwei Planeten und fragt der eine: „Wie geht es Dir?“, antwortet der andere: „Ach nicht gut, ich hab mir Menschen eingefangen“, sagt der erste: „Ach das macht nichts das vergeht.“.

Heriberts politisches Leben war von seiner gewerkschaftlichen Überzeugung besonders in seiner politischen Heimat, der IG-Metall geprägt.

Idee des Netzrats

Bereits 1992 entwickelte er die Idee eines Netzrats, eines Betriebsrats für Unternehmen der Informationsbranche, bei denen nicht die räumliche Nähe, sondern die gemeinsame Arbeitsplattform maßgeblich für die Mitbestimmungsstrukturen ist. Auf einer Betriebsversammlung 1997 führte er aus:

Letztendlich hat die bittere Einsicht aus zwei Welkriegen die deutsche Arbeitnehmerschaft zu der Erkenntnis gebracht, dass es für die Arbeitnehmer und damit für die gesamte Bevölkerung nicht gut ist, wenn die Arbeitgeber wichtige Entscheidungen allein treffen. (…) Dies haben unsere Vorfahren so gesehen und sie haben sich in Gewerkschaften zusammengefunden, (…). Und zum Wohle der Bevölkerung tun wir heute gut daran, die Idee nicht zum alten Eisen zu werfen. In der heutigen Zeit der Globalisierung, Deregulierung und Privatisierung ist es nötiger denn je, dass die Arbeitnehmerseite an den Entscheidungen der Unternehmen direkt beteiligt ist, so Heribert.

Um dem Kapital eine demokratische Gegenmacht gegenüberzustellen ist der Netzrat eine notwendige Ergänzung der Mitbestimmungsstrukturen. Diese demokratische Beteiligung lebte er und nutzte Betriebsversammlungen zum Dialog.

2000 als sich der Personalabbau andeutete, sagte Heribert:

Die Zeiten werden härter. Viele Mitarbeiter spüren den Atem ihres Chefs im Nacken – und bei so manchem sitzt er schon im Kopf.

2002 kritisierte er den Targets Agreement Process (TAP) – also den Zielvereinbarungsprozess bei Siemens:

Zuerst werden Targets vorgegeben,
dann wird Ihr Agreement erzwungen
und zum Schluss wird Ihnen auch noch der Process gemacht!

Den Vorschlag, Vertrauensarbeitszeit einzuführen kommentierte er so:

Das wäre wie die Einführung von Vertrauensgeschwindigkeit vor Schulen und Kindergärten.

Die Siemens AG plante 2002 mehr als 2000 Menschen zu entlassen. Mit einem hatte sie nicht gerechnet, dem Betriebsrat und besonders nicht mit Heribert. Als Vorsitzenden gelang es ihm, was keiner geglaubt hat. Er organisierte die für gewerkschaftliche Organisation schwer erreichbaren besserer verdienenden Angestellten mit großem Erfolg auch im AT-Bereich. Er versprach ihnen keine Sicherheit, sondern sie bei ihrem Kampf um die Arbeitplätze zu unterstützen. Immer wieder sicherte er zu:

Wir lassen Euch nicht im Regen stehen.

Als die Siemens AG nach hartnäckigen Verhandlungen mit dem Betriebsrat an noch 700 Kündigungen festhielt, war die Belegschaft über Betriebsversammlungen, gewerkschaftliche Organisation und ein hohes Vertrauen in die Qualität der Betriebsratsarbeit für den Kampf mit dem Elektrokonzern motiviert. Die Beschäftigten hatten selbst die Gründe für die Widersprüche gegen ihre Kündigungen herausgearbeitet und marschierten nach Zugang der Kündigungen in einem Demonstrationszug in einer Aufbruchstimmung zum Arbeitgericht. Heribert war immer mitten unter Ihnen. Er und die Beschäftigten hatten es geschafft und alle die gegen die Kündigung klagten, sollten auch gewinnen, denn, so Heribert bereits bei Ausspruch der Kündigungen:

Die Sozialauswahl, die Siemens hätte treffen können, ist nicht gelungen.

Das besondere an der Auseinandersetzung war, dass der Betriebsrat an keiner Stelle für die Beschäftigten eine Vertretungsrolle übernommen hat.

Man hat den Konflikt gemeinsam geführt und niemand im Regen stehen lassen, so Heribert.

Dass die Siemens AG als Alternative zur Kündigung so genannte freiwillige Aufhebungsverträge anbot, kommentierte er wie folgt:

Einem Bankräuber, der einem die Pistole vor die Brust hält, gibt man das Geld auch freiwillig.

Bei vielen Demonstrationen war er dabei und als er auf einem „Forum der Solidarität“ einmal kritisiert wird, warum er nicht auf dieser oder jener Demonstration gewesen sei, man habe ihn vermisst, antwortete er schmunzelnd:

Ist doch schön wenn man vermisst wird!

Es folgten schwierige Zeiten. Heribert musste einen Betriebsratskollegen und einen Betriebsratsanwalt als Gegner erleben, die auf sein Ausscheiden aus der Siemens AG hinwirkten. Heribert sagte dazu,

angreifbar bist Du nur dort, wo Du nicht mit rechnest.

Zuvor gelang es der Siemens AG mit Hilfe der Staatsanwaltschaft die Betriebsratscomputer zu durchsuchen. In diesem Justizskandal erteilte eine Staatsanwältin und Tochter eines Siemens-Managers einen Durchsuchungsbescheid für einen Zeitraum von zwei Wochen. Die Siemens AG durfte die Auswertungen selbst durchführen und wertete zwei Jahre Betriebratstätigkeit aus. Die haltlosen Ermittlungen stützten sich auf den Verdacht staatsgefährdendem Handeln und Bildung einer terroristischen Vereinigung. Das Landgericht München I betonte 2005, dass die folgenden Grundrechte von Heribert schwer verletzt wurden:

„Die Entfaltung der Persönlichkeit, die gewerkschaftliche Betätigungsfreiheit, die Unverletzlichkeit der Wohnung, der Justizgewährungsanspruch und das Rechtsstaatsprinzip wurden durch Siemens und die Staatsanwaltschaft missachtet.“

Diese Schläge haben Heribert nicht verbittert und niemals seinen aufrechten Gang 2006 aus der Siemens AG heraus hin zu neuen Herausforderungen gefährdet.

Heribert arbeitete jetzt für die IG Metall in Heidelberg. Über drei bis vier Jahre soll versucht werden, bei der SAP AG mit ihren 12.000 Beschäftigten erstmals einen Betriebsrat durchzusetzen und Gewerkschaftsarbeit zu etablieren. Sicher half ihm auch hier einer seiner Leitsprüche:

Dann probiert man es wenigstens – denn er versuchte immer, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen.

Die SAP AG wehrte sich nachhaltig und übte Druck auf die Belegschaft aus. Der Inhaber beeinflusste eine Abstimmung mit der Drohung einer Betriebsverlagerung ins Ausland und tat alles um einen Betriebsrat zu verhindern. Der Konzern holte drei Gutachten über den wirkungslosen Betriebsrat ein, unter anderem aus dem Nähebereich der AUB. Mit Hilfe der FDP wollte man die Betriebsverfassung ändern, denn SAP hatte ja eine Mitarbeiterbeteiligung, eine Art Schülermitverwaltung ohne Rechte. Als sich dann bei dieser Abstimmung 90 % der Belegschaft gegen einen Betriebsrat aussprachen fragte die Presse ihn, wie er mit dieser Niederlage umgehe.

Heribert antwortete, welche Niederlage? 10 % der Belegschaft haben sich trotz dieses Drucks für einen Betriebsrat ausgesprochen. Das ist doch ein Erfolg.

Er sollte Recht behalten. Heribert engagierte sich für die Beschäftigten der SAP AG und unterstützte sie in ihrem Kampf bis in den privaten Bereich, besuchte sie zu Hause und sprach mit Angehörigen. Als er dann bei dem Sonntagsfrühstück der IG Metall in Heidelberg mit Beschäftigten über die Einreichung eines Antrags zum Arbeitgericht zur Einleitung der Betriebsratswahl bei Nennung der Namen der Beschäftigten sprach, entschied man sich gemeinsam für diesen Weg.

Denn Heribert betonte: Wir lassen Euch nicht im Regen stehen und davon waren alle Kollegen überzeugt, erinnert sich sein Freund Mirko Geiger.

Der Betriebsrat der innerhalb von drei bis vier Jahren durchgesetzt werden sollte, kam nach etwa 7 Monaten zustande. Schon bei der ersten Wahl kandidierten mehr 400 Beschäftigte. Heute nur wenige Jahre danach ist die Existenz eines arbeitnehmerorientierten Betriebsrats und dessen Beratung durch die IG Metall bei der SAP AG eine Selbstverständlichkeit, bei der zweiten Wahl erhöhte sich die Anzahl der Kandidaten bereits auf 470.

Der Betriebsrat SAP kennt Heriberts Leitspruch:

Ein guter Betriebsrat braucht die Fähigkeit
MIKADO im Erdbebengebiet zu spielen:

Immer wieder von Neuem zu beginnen

Auf Betriebsratsseminaren und Betriebsratssitzungen im Münchner Raum, aber wahrscheinlich auch anderorts, ist bei sich abzeichnenden Großkonflikten die Methode Heribert Fieber ein geflügeltes Wort und Programm. Wie ging das damals bei Siemens in der Hofmannstraße, wie hat Heribert das gemacht? So wird sein Ansatz als zukunftsweisende Handlungsoption gehandelt. Die Beschäftigten in ihrer persönlichen Auseinandersetzung zu unterstützen und bei ihren Konflikten mit dem Arbeitgeber zu begleiten, sie nicht zu Bevormunden oder an der Hand zu führen, sondern sie ihre Konflikte selbst führen lassen und gemeinsam mit ihnen zu Kämpfen, das ist die Methode Heribert Fieber, die Unterstützung der Beschäftigten in ihrer eigenen Kraft.

In seinem Betriebsratsbüro hing ein Gedicht (er hat es Erich Fromm zugeschrieben):

Zur Sonne, zur Freiheit!
Ich will Freunde haben
so verlässlich
wie meine Feinde

und Feinde
so unbeholfen
wie viele Genossen

und Arbeiter
die soviel vom Kampf verstehen
wie ihre Arbeitgeber

Brüder,
das wäre
der Sieg

Die Freunde für den Sieg zu ermutigen, das war Heriberts Lebensinhalt.

Heribert Danke, dass Du gelebt hast:

Du hast Recht: Ist doch schön wenn man vermisst wird! Und wir vermissen Dich.

Ich möchte schließen mit seinem wohl wichtigsten Leitspruch als Betriebsrat:

Emanzipation heißt,
widersprechen können,
wovon man (wirtschaftlich) abhängig ist.

Rüdiger Helm

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